2 min Midlifecrisis

Zurück in einem eingeschneiten Haus irgendwo in einem 653- Einwohner Kaff.

Ich hasse Menschen. Gleichzeitig treibt mich eine innere Panik an, weiter in ihnen zu wühlen wie in einem Angebotstisch bei Aldi, auf der Suche nach einem gelungenen Fundstück. Es ist eine Panik, in ein paar Jahren schon auch zu diesen orientierungslosen 30 jährigen zu gehören, die ihr gesamtes Leben darauf ausrichten, einen Partner zu finden, aus Angst, alleine alt werden zu müssen. Die dann gleich die zweite Wahl nehmen statt auf die erste zu warten, weil warten nicht mehr drin ist. Die innere Uhr tickt schließlich und Mama wartet zu Hause auf ein paar hübsche pausbäckige Enkelkinder.

Pizzapastapazza – Ein Monat in Italien

Ich lebe hier Klischees. Doch von Anfang an. Meine Reise begann vor gut einer Woche. Ich werde für eineinhalb Monate in bella italia leben und arbeiten um hoffentlich dieser wunderschönen Sprache mächtig zu werden.

Mein erster Morgen begann damit, dass der Hund meine letzten Kekse gefressen hatte. Ich wohne hier bei einer Nonna, die erste Person, der ich begegnete, welche ein wandelndes Klischee ist. Eines mit erschreckend großen Brüsten, kleinem lauten Hund, Fernseher im Dauergebrauch, viel Pasta im Kochtopf, freundlich und zuvorkommend und zugleich laut und stürmisch. Damit hängt das erste Wort zusammen, das ich lernte – la pazza. Die Verrückte. Beschreibung meiner Wohnsituation durch meinen Chef. Wusste ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Mitte der Woche dann begab sich ein holperndes Gespräch mit Giacomo und damit hallo Klischee Numero due. Giacomo, das ist der Pizzabäcker um die Ecke. Ohja ich kenne einen italienischen Pizzabäcker. Außerdem ist er einige Zentimeter kleiner als ich, nennt mich bella und dass ich seine Nummer hab ist un segreto, weil er einen amica hat. Ich warte so gespannt wie ihr auf die Fortsetzung dieser (leider gutaussehenden) Teilgeschichte meiner Reise. Doch weiter im Text. Gestern habe ich mich mit meinem knackigen Chef betrunken. Was, im Nachhinein betrachtet, an einem Montagabend, auch gar nicht mal so eine gute Idee ist. Notiz an mich: Betrink dich nächstes Mal am Wochenende, du Pfeife. Ich hab den Tag mit halboffenen Augen und viel Acqua aber überlebt. Dass ich jetzt um 8 schon im Bett liege muss ja keiner wissen.

Ansonsten verlief meine Woche recht ereignislos, wenn man das bei meiner Nonna hier so nennen kann. Am liebsten liegt sie den Tag über vor dem Fernseher, ohne einen BH wabern ihre gigantischen Brüste an der Seite des Oberkörpers gemäß der Schwerkraft herunter. Dabei leckt der kleine laute Hund ununterbrochen ihre Hand und wird lautstark mit Worten liebkost. Im italienischen Fernsehen laufen entweder Filme, die gerade so die Entdeckung der Farbfernsehens miterlebt haben, aber immer noch bestimmt doppelt so alt sind wie ich. Oder aber Schnulzserien, wogegen die Schauspielkunst im deutschen Bildungsfernsehen auf RTL2 oscarverdächtig wirkt.

Meine Suche nach netten Südländern des anderen Geschlechts begab sich vorgestern auf eine Welle des Erfolges, als einer meiner Arbeitskollegen mir eröffnete, 3 Söhne in meinem Alter zu haben. Für morgen Abend bin ich zum Essen eingeladen, ich hoffe stark das wird nicht irgendwie… komisch. Womit ich vor meinem nächsten Problem stehe – was bringe ich Italienern als Gastgeschenk mit? Ich, die Wein nach neonfarbigen Preisschildern auswählt und mit Sprite und Cola mischt. Vielleicht trifft mich ja morgen früh im Supermercato irgendeine Eingebung, es bleibt spannend.

Problemo geschickt gelöst, Flasche Prosecco aus dem Heimatdorf meiner Oma erstanden und es mit einem Lächeln plus der eisbrechenden Geschichte auf den Lippen überreicht. Der Abend war toll und ich hab sogar ein gebrochenes Klischee kennengelernt – einen italienischen Basketballspieler! Großer, verdammt hübscher Kerl.

Meinen Sonntag habe ich auf einer Gesundheitsmesse verbracht, Zusammen mit der pazza und, als ob das nicht genug wäre, einer Freundin von ihr. Hatte ja für einen winzigen Moment die Hoffnung, die sei weniger schlimm aaaaaaber denkste! Nicht dass mir noch langweilig wird, hat sich das Schicksal hierbei wohl gedacht. Kennt ihr diese Leute, die nur auf Messen gehen, um sich durchzufressen? Und kennt ihr außerdem diese Leute, die von Menschen umringt auch mal mitten in der Türe stehen bleiben um zu schnakken? Vielmehr muss ich nicht erzählen, bin den zwei kleinen Verrückten hinterher getrappt, diese, ständig auf der Suche nach Degustationen haben auch mal Kinderwägen der Weg abgeschnitten. Keine Rücksicht auf Verluste wenn es um Gratis-Biscotti geht! Hab aber doch auch etwas von der Messe mitkriegen können im Vorbei Rennen.

Gestern habe ich meinen Abend an einem der öffentlichen WIFI-Punkte verbracht. Wider Erwarten erfreute ich mich alsbald bester Gesellschaft. Ort des Geschehens: ein großer Kreisverkehr, wo auf der Insel im Kreis Bänke stehen, auf denen Internetjunkies wie ich ihre world wide web Bedürfnisse für umme befriedigen. Was ich dort in zwei Stunden erlebt habe, würde ganze Seiten füllen. Das war wie Big Brother in Reality. Und auf ner Kreisverkehrsinsel eben. Da spielte sich auf jeder Bank eine eigene Szene ab, die zusammen betrachtet eine einzige große Show ergaben. Links von mir auf der Bank saßen zwei Mütter mit ihren Kindern. Hätten in 16 and pregnant mitspielen können. Der Nachwuchs wurde dekadent in hippe Markenkleidung gesteckt, um von pädagogischem Unwissen abzulenken. Während die Kinder sich neben rasendenen Autos mit einem Ball vergnügten, widmeten sich deren Erzeugerinnen vertieft ihren smarten Phones, um nur hin und wieder ein genervtes „Veni qua!“ über die Verkehrsinsel zu kreischen. Zu meiner Rechten hatte es sich mittlerweile ein Pärchen gemütlich gemacht. Könnte auch ein zweites Date gewesen sein. Beide jeweils einen Hund an der Leine. Die Hunde wurden amüsiert beobachtet, während sie sich einen Rivalenkampf vom Feinsten lieferten. Kurz bereut, kein erste Hilfe Pack dabei zu haben. Wurde aber niemand verletzt. Gegenüber von mir spielte sich das Highlight des Abends ab. Ein Ehepaar, das sich um Essen stritt (habe leider nicht alles verstanden, aber wegen meiner Italienischkenntnisse, nicht aufgrund der Akustik). Wir sprechen hier jedoch von keiner eindringlichen Diskussion, wie jeder von uns es in der Öffentlichkeit getan hätte. Quatsch, Freunde, das ist Italien! Unter 10 Dezibel geht hier gar nichts! Und gefetzt hat es, da waren die raufenden Hunde neben mir für kurze Zeit harmlos. Da wurde vom weiblichen Part mal schreiend auf die andere Straßenseite gewechselt, reuumütig wieder zurück gekrochen, vom männlichen brüllend auf die andere Seite der Verkehrsinsel gewechselt (sprich quasi neben mich). All das schon interessant genug; stelle man sich nun jedoch gleichzeitig zwischendrin spielende Kinder, kreischende Teeniemütter und bellende Hunde vor, kann man im Groben erahnen, warum hier kaum Reality-Dokus im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Meinen heutigen Abend habe ich, alleine, im benachbarten Park verbracht. (An dieser Stelle bitte ich um einen mitleidsvollen Blick ob meiner Einsamkeit.) Nachdem mir mein Chef das gemeinsame Essen abgesagt hatte, setzte ich mich zunächst deprimiert auf meine vertraute Verkehrsinsel bis der Akku alle war. Anschließend besorgte ich mir, rebellisch wie ich bin, im Supermerato gegenüber Radler und Kekse (ohja, heute hab ichs mir gegeben!). Damit in den kleinen Park gegenüber unserer Wohnung gesessen. Und da saß ich dann. Kekse gegessen bis mir schlecht war und statt mich zu betrinken (mit Radler, haha), verzweifelt für ne Stunde nach einer Möglichkeit gesucht, an den Inhalt der Flasche zu gelangen. Ich braves Ding besitze ja nicht mal einen Flaschenöffner und bevorzuge es in Gesellschaft, mir meine Flasche von Sitznachbarn mit mehr Talent öffnen zu lassen. Hab ich heute erstmals bereut (aber wer konnte ahnen, dass ich mal alleine ein Bier trinke?). In der Zwischenzeit gesellte sich noch ein geschätzt 2jähriger zu mir, leichte Ähnlichkeit mit Calliou. Fuhr auf einem bunten Roller wiederholt über meine Flipflops, aber ich war froh um Gesellschaft und ließ ihn gewähren. Nachdem ich sein Miniontshirt ausgiebig bewundert hatte und heimlich neidisch auf seine leuchtenden Turnschuhe war, zog er wieder von dannen. Hat sich nicht mal umgedreht als er davon fuhr.

Gestern wurde die Pazza noch verrückter als ich jemals zu denken gewagt hätte. Ich war alleine in der Wohnung und aß zu Mittag als mir eine Tür auffiel, die halb hinter dem Fernseher versteckt war und die ich deshalb noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Weil ich ein schrecklich neugieriger Mensch bin, musste ich natürlich auch einen Blick hinter diese Tür werfen… und was sich da vor mir erstreckte, habe ich bisher nur im Fernsehen gesehen. Ein geschätzt 20m² Wohnzimmer bis zur Decke hin vollgestellt mit Kisten und Tüten. Keinen Schritt in das Zimmer wird einem ermöglicht. Das ist eine Mischung zwischen Trödeltrupp und Narnia. Aus Angst vor pelzigen Tieren, die sich von mir in ihrem Ökosystem gestört fühlen könnte, schloss ich die Türe schnell wieder. Wo bin ich hier nur gelandet?

Die Lektion des heutigen Tages ist: ich brauch einen Hund. War vorhin zum ersten Mal mit der Töle der Verrückten spazieren und habe schon die Nummer plus eine Einladung heute Abend von einem anderen Hundbesitzer. Zwar geschätzt 5 Jahre zu alt für mich aaaaber auf einen guten Vino lasse ich mich ja gerne einladen, bin mal gespannt wie das wird…

 

Nachtrag. Hab die letzte Woche so vollgepackt gehabt, dass ich nicht mehr zum Schreiben kam. Hab mich einmal mit dem Hundemann getroffen. Hatte mich versucht, mit Emanzipationsgelaber einzulullen. Ich dagegen habe mich sehr interessiert dem Graswuchs des Parkes gewidmet und danach die einfachste Möglichkeit der guten alten Ignoranz gewählt. Zumindest bin ich jetzt im Stande, eine lockere Konversation in der schönsten Sprache der Welt zu führen.